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Folge

Folge 2: Ringelnatz - Rückkehr zweier Thüringer aus England

Der meist unterschätzte lyrische Kauz tischt uns hier ein Doppelgedicht auf, das vor allem im ersten Teil mit allem glänzt, was die moderne Lyrik so aufbieten kann. Und nicht nur deshalb tritt Ringelnatz hier so “früh” schon, in Folge 2 auf - ein Wort in eigener Sache . . .

Es ist so, daß gerade ein guter Freund von X&Goldstück nach London gedüst ist, um dort vielleicht seine zukünftige Heimat zu finden. Aus Thüringen kommt er aber nicht.

Noch zu Ringelnatz: Wie Klabund oder Morgenstern wird R. auch zur Gruppe der “Witzbolde zwischen den Kriegen” gesteckt. Alle, aber vor allem R., haben doch soviel mehr zu bieten als Altherrenwitze und lyrische Schmunzeleien. Als weltgereister - selten unter den deutschen Literaten! - Seemann bringt er heim in die Häfen eine bunte Gestaltensammlung und den unverkennbare Spleen aller Seefahrer, die Mischung aus Fernweh, Traurigkeit und Trinksucht.

Bei alldem, und natürlich der Qualität des ersten Teils, macht es auch nichts, daß der zweite Teil des Gedichts englisch: lacks quality. Etwas zu jugendlich-naiv, nicht ganz konsequent in der Gefühls- und Versführung. Trotzdem ein rundes Paket, das uns R. an Land wirft.

 
 Ringelnatz: Rückkehr zweier Thüringer aus England [4:00m]: Abspielen | Im Popup abspielen | Download

Rückkehr zweier Thüringer aus England
(aus: Flugzeuggedanken, 1929)

Der Eine

Goodbye. I go,
Anybody to irgendwo.
Lebe wohl, du Land, das ich verehre!

On the pier winks no girl, no man.
Oh, the Channel is larger than
Many many Meere.

Only altogether was to me
The only English friend.
And it seems to be
Und muß wohl so sein:
Unser Kontinent hat einen wärmeren Sonnenschein.

Dennoch komme ich aus guter Zeit.
England was light and was polite.

England is a happy land,
Und es braucht uns nicht,
And it doesn’t understand,
Was aus foreign Herzen sucht und spricht.

Wenn es wüßte!
Das Schiff rollt. Es entschwindet die Küste.
Ich fühle mich frei.
England, goodbye!

Der Andere

Nun war ich drüben überm Kanal
In London, fast eine Woche.
Nun fahre ich nach Schnepfental.
Für mich beginnt nun wieder einmal
Eine Epoche.

Muß ich auch für das letzte Stück
Einen Personenzug nehmen,
Nur in der Ferne liegt das Glück,
Durchaus nicht im Bequemen.

Anni ist Anni und immer ganz Ohr
Für Worte, wie ich sie wähle.
Nun stelle ich mir in Gedanken vor,
Wie ich ihr von London erzähle.

Ich habe studiert und photographiert –
Die Bilder kann ich auch zeigen.
Ich wollte nur, ich wäre blasiert.
Dann könnte ich unterwegs schweigen.

So aber bin ich zu mitteilsam,
Fast wie ein unmündiger Knabe.
Es ist beschämend und doch sehr heilsam,
Daß ich schreckliches Heimweh habe.

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