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Folge

Folge 3: Kafka - Nachts

Wie, Kafka? Der hat doch nie ein Gedicht geschrieben!
Mag vielleicht sein, daß Kafka ein Prosastar ist - seine Attitüde hingegen ist doch eine wirklich lyrische. Seine sprachspielende Kunst der Verdichtung und Verstellung, den Stelzen, auf denen Gedichte gehen, zeigt er eindrucksvoll in diesem Kleinod.

Und es ist eine von K.s schönsten, weil: schlankesten Parabeln. Dieses Nachtbild, das er entwirft, und die wenigen Sätze, die es ihn gekosten haben, aus jenem Bild ein mächtiges Gleichnis, eine Beschreibung der Conditio Humana zu fertigen, sind so eindringlich, daß sich die eigentlich so “prosaischen” Sätze überaus schnell wie Verse ins Gehirn tackern, wo sie bleiben, woher sie sich immer wieder melden, und von wo man sie sicher nicht entfernen will.

Die Geschichte selbst ist, von Kafka titellos zurückgelassen, von Max Brod so benannt; und es war von K., soweit rekonstruiert, eigentlich geplant, sie zu einer längeren Geschichte auszubauen.
Ob es nun ein Glück ist, daß sie Fragment geblieben ist, mag jeder selbst beurteilen. Wir sind der Meinung: Ja.

 
 Kafka: Nachts [3:37m]: Abspielen | Im Popup abspielen | Download

Nachts
(aus: Erzählungen aus dem Nachlaß)

Versunken in die Nacht. So wie man manchmal den Kopf senkt, um nachzudenken, so ganz versunken sein in die Nacht. Ringsum schlafen die Menschen. Eine kleine Schauspielerei, eine unschuldige Selbsttäuschung, daß sie in Häusern schlafen, in festen Betten, unter festem Dach, ausgestreckt oder geduckt auf Matratzen, in Tüchern, unter Decken, in Wirklichkeit haben sie sich zusammengefunden wie damals einmal und wie später in wüster Gegend, ein Lager im Freien, eine unübersehbare Zahl Menschen, ein Heer, ein Volk, unter kaltem Himmel auf kalter Erde, hingeworfen wo man früher stand, die Stirn auf den Arm gedrückt, das Gesicht gegen den Boden hin, ruhig atmend. Und du wachst, bist einer der Wächter, findest den nächsten durch Schwenken des brennenden Holzes aus dem Reisighaufen neben dir. Warum wachst du? Einer muß wachen, heißt es. Einer muß da sein.

Kommentare

mir gefällt es sehr.habe gerade noch den gedichttext auf der website entdeckt.jetzt höre ich mit gleich alles noch einmal an.
sehr angenehme stimme übrigens.
gruss lila

lila / 17 Mrz 2007, 20:57 / #

bitte unbedingt weitermachen.
sehr gute produktion, die ich in meiner “senderauswahl” nicht missen möchte…

szymon / 18 Mrz 2007, 20:43 / #

Na schon mal vielen Dank für die ermutigenden Worte. Klar machen wir weiter - bis uns die Reime ausgehen ;)

Wir freuen uns übrigens auch über Anregungen und Gedichtwünsche - also immer her mit den Lieblingsdichtern.

Bondageprojekt / 20 Mrz 2007, 12:30 / #

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