Folge 5: Trakl - De Profundis
Ohne viel vorweg zu nehmen: Dieses Gedicht ist eine Säule jedes Gedichtkanons. Ein Meisterstück, und unvergessen von denen, die es einmal ins Herz geschlossen haben. Mehr schöne Gottverlassenheit als Trakl sie uns fühlen läßt, kann nirgendwo sein. …
Das eigenwillige Sonett ist ein goldenes Tor zum 20. Jahrhundert. Seine Schrecklichkeit ist sein Markenzeichen. Wenn der Salzburger Trakl auch oft langweilen mag durch seine Überbeanspruchung der “typischen” lyrischen Werkzeuge, so finden sich in diesem “De Profundis”, der Klage des Mördersubjekts überhaupt, alle Kniffe und Tricks zum Schaulaufen ein.
Es ist ein Gedicht des Äußersten, das uns, bei aller Liebe und Gewohnheit mit seinen “Es ist…”-Versen stets wieder fremd begegnet; eine Maschine der Weltentfremdung; ein Korsett, das uns einschnürt.
Schnell ist der Überblick verloren, was großartig zu finden ist: Seine großartige Deutung der Sonettform - die Doppelwendung ins Innere, also ein “in sich” gestülptes Sonnett; seine sphärischen Mördersymbole; sein sperriger Katechismus. Wir können nicht mehr, als es überragend zu nennen -
De Profundis
Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt.
Es ist ein brauner Baum, der einsam dasteht.
Es ist ein Zischelwind, der leere Hütten umkreist -
Wie traurig dieser Abend.Am Weiler vorbei
Sammelt die sanfte Waise noch spärliche Ähren ein.
Ihre Augen weiden rund und goldig in der Dämmerung
Und ihr Schoß harrt des himmlischen Bräutigams.Bei der Heimkehr
Fanden die Hirten den süßen Leib
Verwest im Dornenbusch.Ein Schatten bin ich ferne finsteren Dörfern.
Gottes Schweigen
Trank ich aus dem Brunnen des Hains.Auf meine Stirne tritt kaltes Metall.
Spinnen suchen mein Herz.
Es ist ein Licht, das in meinen Mund erlöscht.Nachts fand ich mich auf einer Heide,
Starrend von Unrat und Staub der Sterne.
Im Haselgebüsch
Klangen wieder kristallne Engel.



Kommentare
Richtig schaurig=schön! Bitte weiter so!
Wauke / 30 Mrz 2007, 02:19 / #
ihr lieben, so moderigschön.
ein zerbrechlicher robert ist ein guter robert.
gruß und kuß aus thüringen.
lea
Lea W. Frey / 04 Apr 2007, 17:23 / #
also, wenn ich die silben richtig mitzähle und mir die strophenaufteilung anschaue, ist das hier ganz und gar kein sonett! ich bin zwar kein spezialist (da sollte man besser HEL ToussainT zu rate ziehen), aber ich hab selber zwei sonette verbockt, die funktionieren (siehe angegebenen hyperlink) und bin mir eigentlich ziemlich sicher, daß die traklsche “gottlosigkeit” zwar wahnsinnig gut kommt, aber doch recht modern frei gereimt ist… oder? gruß aus neukölln, das döh
De Toys / 11 Apr 2007, 22:32 / #
Gut gezählt - in einer perfekten Welt (respektive vor hundert Jahren) hättest du uns jetzt ganz schön in die Pfanne gehauen
Die Welt, die Trakl beschreibt, ist nunmal aber leider keine solche - und dazu passend hat er sich eine etwas eigene Deutung der Sonettform überlegt. Wie schon oben angedeutet handelt es sich um ein “in sich gestülptes”, quasi gespiegeltes Sonett - mit der Achse dort, wo der Normdichter üblicherweise aussteigt.
Bondageprojekt / 12 Apr 2007, 01:06 / #
erschütternd der Te+xt, schicksalstrunken vorgertragen, allein das Maß bestimmt der Abspielgenerator…, der Buffer oder die Buffer oder dass Buffer frißt die Methaphern. Das könnte besser werden auch für Trakl.
Gruß + Kuss
Gerhard Wilhelm Heinrich Thomas Beck / 23 Okt 2007, 22:13 / #
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