Folge 17: Fontane - Das Trauerspiel von Afghanistan
Diesmal: eine Scholl-Latoureske aus dem 19. Jahrhundert: Theodor Fontane schildert uns nämlich das alltägliche Elend kolonialistischer Bemühungen am Hindukusch, ein allzu vertrautes Tagesthema …
Nun, da der vermeintlich gesichterte Landstrich - Süden wie neuerdings der Norden - zurück in kriegerischere Wehen fällt, da auch Deutsche als Geiselbildchen durch die Nachrichten gereicht werden, und man weniger denn je ausmachen kann, was der Geist der Geschichte dort ausbrütet, will das bescheidene Bondageprojekt mittels Fontanes schauriger Anekdote an die Erfolglosigkeit der zwar jahrhundertealten, letztlich aber mitleidserregenden Tradition der Weltmächte erinnern, Afghanistan unter ihre Kontrolle zu bringen.
Denn: Auch wenn die Opiumgewinne locken und man im Herzen Asiens seine strategischen Zelte aufgeschlagen hätte, ist doch klar, daß, sei es im roten Britenrock oder nowadays in schicker sandfleckiger Kevlarrüstung, keiner dort einen wirklichen Stich machen wird - wir bemerken das heute, und dereinst bemerkte das der anglophile Fontane. Wohl will man solcherlei “Kriegswirren” gerne übersehen; zweifellos existieren sie aber.
Das Trauerspiel von Afghanistan
Der Schnee leis’ stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
“Wer da!” - “Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.”Afghanistan! Er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:“Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.”Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all’,
Sir Robert sprach: “Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!”Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd’,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen - es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.“Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.”



Kommentare
Bitte unbedingt weiter machen… natürlich wenn ihr Spaß dran habt
Szymon / 31 Aug 2007, 20:50 / #
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